George Onslow – haben Sie vorher jemals von diesem Komponisten gehört? Wenn ja, beglückwünsche ich Sie ganz herzlich dazu. Ich muss nämlich gestehen, dass ich zuvor noch nie etwas von ihm gehört hatte – genauso wenig wie meine vier Mitstreiter aus der RSB-Orchesterakademie, mit denen ich nächste Woche Onslows 11. Streichquintett in B-Dur op. 33 aufführen werde.

Obwohl George Onslow zu seiner Zeit ein angesehener Komponist war und viele Werke geschrieben hat, ist er im deutschsprachigen Raum nahezu unbekannt.

Dem Namen nach vermuteten wir erst einmal, dass wir es mit einem schweren, russischen Brocken zu tun haben würden, vielleicht sogar mit einem modernen, schweren, russischen Brocken aus dem 20. Jahrhundert. Doch welche Überraschung, als wir uns zum ersten Mal die (einzige!!!) Aufnahme anhörten! Von wegen schwere Kost – leicht wie ein Vogel schwebte die filigrane Violinstimme daher, begleitet von sanften, wiegenden bis warmen Klängen aus dem tieferen Register. Ein besonderes Highlight ist der charmante Cello-Walzer im 3. Satz, mit dem unser Cellist Felix Eugen Thiemann einen Hauch Wiener Luft ins silent green Kulturquartier bringen wird!

Dass sich die 1. Violinstimme nicht einfach so dahin zwitschern lässt, sondern nur mit einigen verzweifelten Übestunden einigermaßen angenehm spielbar wird, sollte ich noch früh genug erfahren. Dass der Notentext gleich bei allen fünf Stimmen an vielen Stellen fehlerhaft war, stellte eine zusätzliche Hürde dar.

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Die ersten Proben gingen dementsprechend zähflüssig voran. Nicht nur, dass wir Akademisten uns erst einmal musikalisch wie auch persönlich „beschnuppern“ mussten – im Gegensatz zu all den bekannten Kammermusikwerken, von denen so viele wunderschöne Aufnahmen existieren, waren wir bei der Erarbeitung dieses Werkes auch ganz auf uns alleine gestellt. Das kann durchaus sehr erfrischend sein! Vielleicht kann man es mit Skifahren vergleichen (für mich als gebürtige Schweizerin liegt natürlich der Vergleich zum Skifahren nahe…): Zu Ihrer linken Seite befindet sich die berühmte Skipiste mit dem wunderschönen Ausblick, die sich stets bewährt hat und bei der Sie genau wissen, welcher Abschnitt Ihnen und Ihren Kindern besonders viel Spaß bereitet. Zu Ihrer rechten Seite erstreckt sich dagegen ein steiler, unberührter Hang mit feinstem Pulverschnee, bei dem Sie aber überhaupt nicht wissen, was sich darunter verbirgt! Wenn man da mit einer Gruppe unterwegs ist – so die allgemeine Empfehlung – sollte man sich am besten von einem erfahrenen Bergführer leiten lassen. Den hatten wir zum Glück tatsächlich! Hermann F. Stützer, Solobassist beim RSB und seinerseits noch gar nicht allzu lange aus dem Akademistenalter heraus, führte uns geduldig und sicher an den gefürchteten Onslow’schen Schluchten vorbei zum Ziel: dem harmonischen Zusammenspiel auf der Bühne.

Meine Violinstimme erinnert mich am ehesten an ein virtuoses Stück von Louis Spohr, Zeitgenosse von George Onslow und neben Niccolò Paganini der berühmteste Violinist seiner Zeit. Leider ist sie aber nicht so komfortabel für Geige geschrieben wie es die Violinlegende Spohr getan hätte! Spohr verstand es nämlich, den Ausführenden die Violinstimmen „auf die Finger zu schneidern“, sodass sie wie angegossen passen und sich dementsprechend angenehm spielen lassen. Bei diesem Streichquintett hingegen könnte man an vielen Stellen meinen, dass es sich dabei um ein Klavierwerk handelt! George Onslow war tatsächlich Pianist und nicht Geiger, was diesen Umstand vielleicht ein Stück weit erklärt.

Viel mehr möchte ich aber gar nicht über das Stück verraten! Kommen Sie zu unserem Konzert am Donnerstagabend im silent green, machen Sie Bekanntschaft mit Herrn Onslow, entdecken Sie unerwartete Parallelen zu Richard Strauss und Ludwig van Beethoven und vor allem – schwelgen Sie mit uns mit beim Wiener Walzer im 3. Satz! Wir freuen uns auf Sie!

Ein Beitrag von Bomi Song
Fotos: Bettina Stöß und Kai Kang