Unser Wellesz-Oktett traf sich schon vor dem Sommerurlaub  zu ersten Streicherproben für das Konzert am 8. Dezember. Das scheint sehr früh zu sein, aber wir wissen ja alle um die Zeit, die oft verfliegt, ohne dass man sie festhalten kann.
Die frühen Proben dienten auch dazu, herauszufinden, was an dem Oktett schwierig ist und was man üben muss, denn keiner von uns kannte das Werk und das Notenbild allein ist manchmal trügerisch.

Zunächst richteten wir die Striche ein. Ein Bogenstrich kann auf der Saite in die eine oder die andere Richtung gehen. Heutzutage einigen sich Streicher bei ähnlichen Stellen in der Musik meistens darauf, den Bogen in die gleiche Richtung zu ziehen. Das hört sich nicht sehr wichtig an, hat aber mehrere Gründe. Zum einen sieht es für das Publikum nicht wie Kraut und Rüben aus und zum anderen bewirken gemeinsame Striche, dass die gemeinsamen Phrasen (das wäre beim Sprechen etwas Ähnliches wie ein Satz), der Ausdruck, die kaum merklichen Abweichungen vom Grundrhythmus durch physikalische Gegebenheiten und nicht zuletzt das Musikmachen sich leichter gemeinsam entwickeln.

Hin oder her. Aufstrich oder Abstrich. Wenn man betrachtet, wie der Computer seine gesamten Möglichkeiten ausschließlich aus Ja oder Nein, Hin oder Her bezieht, können Sie sich vielleicht vorstellen, dass eine ganze Sinfonie oder Oper viel Anlass zu Meinungsverschiedenheiten bietet. Es gibt regelrechte Strichmoden, Vorlieben eines Orchesters und darüber hinaus natürlich noch Vorlieben eines Musikers. Bei der Entscheidung spielt die Hierarchie im Orchester natürlich eine große Rolle, so dass ein Streichertuttist möglicherweise seinen Lieblingsstrich niemals verwirklicht sieht. Es gab auch schon Musiker, die bei der Diskussion über den richtigen Strich zu richtigen Feinden geworden sind. Mein alter Lehrer erzählte von Kollegen, die bei jeder passenden Gelegenheit im Dunkel des Operngrabens ihren Kollegen mit dem Bogen schlugen …

Hinzu kommt, dass die Kontrabassspieler in Deutschland ihren Bogen anders halten als die Geigen-, Bratschen- und Cellokollegen und deshalb andere Bedürfnisse und Probleme haben. Sie entscheiden sich deshalb manchmal dafür, einen anderen Strich zu machen als die restlichen Streicher.

Gut, wir haben uns  nicht verkracht, das Wellesz-Projekt findet nach wie vor statt und wir proben vergnügt. Bei Strichen, Phrasierung, Artikulation und Tempo hat natürlich schon jeder von uns versucht, seine Meinung einzubringen, aber da wir uns mögen und es bei uns keine Hierarchien gibt, sind wir alle aufeinander zugegangen und haben gemeinsame Lösungen gefunden.

Eine Fortsetzung über unsere Probenarbeit lesen Sie in meinem nächsten Blog-Beitrag.

Ein Beitrag von Stefanie Rau
Foto von Sung Kwon You