In unserem Programm „re_fuge“ geht es um die musikalische Form der Fuge zu verschiedenen Zeiten. Ein Thema wird durch einzelne Stimmen hindurch vorgestellt, dann variiert und verändert. Dennoch passt alles zusammen und fügt sich zu einem großen Ganzen.

Als Nicht-Musikerin war ich anfangs überwältigt von der Fülle der Informationen und vor allem von der Musik selbst. Unsere erste gemeinsame Probe fand in meinem Atelier statt. (Welch eine Freude: Ein Streichquartett spielt für mich alleine!) Die Musiker fingen mit Bachs Contrapunctus I aus Die Kunst der Fuge an. Diese Musik ist schlicht und kompliziert zugleich. Eine Probe ist wie eine Erklärung für die Musik; es zeigen sich sowohl die Schwierigkeiten, mit denen die Musiker ringen, als auch die Nuancen, die sie erst entdecken. Viele Feinheiten finden sich dabei ganz ohne sprachlichen Austausch im gemeinsamen Spiel. All das hilft, ein tieferes Verständnis für die Musik zu gewinnen.

Aber wo ist in all dem mein Platz? Ein gleichwertiger Platz, nicht untergeordnet, sondern so gleich, wie Bach ihn all seinen Fugenstimmen einräumt und eine „demokratische Musik“ entwirft, wie Rodrigo bei einer Probe sagte. So tat ich das, was ich gut kann: Ich schaute mir an, was die Musiker beim Spielen taten. Sah die Selbstverständlichkeit ihrer Bewegungsabläufe beim Spielen der oft unüberblickbaren Klangverläufe, ihre Anmut, die wechselnden Stimmverteilungen. Die Bewegungsabläufe der linken und rechten Hand, das wurde mir beim Schauen-Hören deutlich, sind wie eine unsichtbare Zeichnung im Raum, die sich unendlich wiederholt und verloren geht, wenn die Musik endet. Aber wie sieht diese Zeichnung aus? Wie bildet man den Kontakt, die Berührung auf der Saite ab, die sie erst zum Klingen bringt? Und weil im Vordergrund nicht meine Handschrift, sondern die der Musiker stand, habe ich sie gebeten, selbst einen Ausdruck für ihr Tun zu finden. Mit meinem Instrument: dem Kohlestift auf Papier. Die Kohle zeigt die Bewegung des Bogens, die geschwärzte Fingerkuppe die Berührung auf der Saite.

Etwas ganz Eigenes entstand. Es lohnt, hinzuhören und hinzusehen.

Notationen zum Stück Die Kunst der Fuge Contrapunctus I von J. S. Bach
Juliane Manyak / Rodrigo Bauzá / Georg Boge / Alejandro Regueira Caumel und Lara Faroqhi
• Siebdruck auf Büttenpapier • alle 55,5 × 37 cm (Ausschnitt)

 

Ein Beitrag von Lara Faroqhi, freischaffende Künstlerin in Berlin