„Du gibst dich Dowlands Melodien hin – von ihres Wohlklangs Zauber eingehüllet.“

Das dichtete Barnfield über John Dowland; mit dem Titel: „If Music and Sweet Poetry Agree“.
Ursprünglich schrieb man diese Zeilen Shakespeare zu, er war Dowlands Zeitgenosse.
Wir postmodernen RSB-Streicher – Juliane, Samuel, Jörg und ich – machen gerade eine Zeitreise: 400 Jahre zurück in die Epoche der Gamben und Lauten, ins Elisabethanische England.

Unsere heutigen Streichinstrumente waren noch nicht erfunden, trotzdem haben wir sie im Gepäck. Wir nehmen das mit, was wir gut können, mehr nicht.
Nun kommt der Zeitsprung.

Wir werden mit unserer musikalischen Rhetorik des 21. Jahrhunderts auf zwei singende Charaktere reagieren, deren Sprache längst erloschen ist.

Georg Streuber singt mit uns am 14. Februar 2019 im Delphi

Der Bassbariton Georg Streuber verkörpert den Melancholiker in Dowlands „Ayres“. Und er deklamiert einen kurz gefassten Hamlet, der sich in Ruth Zechlins „Fragmenten“ zu Wort meldet. Unter uns fünf Musikern gibt es noch einen sechsten – unsichtbaren – Mann im Hintergrund: Jörg Schneider aus dem Rundfunkchor. Er hat das Programm mit mir ausgeheckt, am Buffet-Tisch des ROC-Sommerfestes. Bei Ruth Zechlin studierte er als angehender Sänger Komposition.
Er wollte eigentlich den Hamlet mit uns singen. Aus privaten Gründen musste er absagen und schickte uns seinen Kollegen Georg, und der ist klasse!
Jörg Schneider ist ein Drahtzieher. Er war es, der für uns die Ayres als Streichquartett arrangiert hat. Dowland liegt ihm am Herzen.
Beim ersten Lesen seiner Fassung rätseln wir, wieviel Renaissance möglich sein kann auf unseren heutigen Instrumenten. YouTube wird befragt, dann surren aus den Smartphones Lautenklänge. Aus den Handys vor den Nasen näselt der große Jordi Savall auf der Gambe.
Doch Jörg Schneider reagiert verhalten auf solche Bemühungen.
Er stellt sich den Klang eines modernen Streichquartetts vor: „Da steht einer, und dem kullern die Tränen runter.“ Warum den Unglücklichen künstlich in Renaissance-Etikette hüllen? Wir haben doch an Freiheit gewonnen.
„My thoughts are wingˋd with hopes“ wird er singen.
Wir hören dem traurigen Poeten zu. So, wie wir sind, sollen wir mit ihm mitspielen.
Beim zweiten Durchlauf hebt Jörg Schneider den Daumen und strahlt.
So gefallen wir ihm.

Unsere Zeitreise geht weiter mit den Hamlet-Fragmenten. Der Text ist 400 Jahre alt, die Musik wurde im Jahr 2000 komponiert.
Als wiederkehrende Gedankenschleife gibt es ein Motto, mit dem jeder Satz eröffnet wird.
Von Motto zu Motto spinnt Samuel auf der Bratsche am seidenen Faden; und der Faden reißt irgendwann.
Das Shakespeare-Drama ist von Zechlin arg zurechtgestutzt: Zunächst spricht Hamlet von der Ursache der Tragödie. Er ist zornig auf die verlogene Mutter, die den Mörder seines Vaters geheiratet hat. Die Empörung verschlägt ihm dabei scheinbar den Gesang. Wie ein heuchlerisches Klageweib seufzen unsere Finger über das Griffbrett, seinen Gedanken gehorsam.
Wir befinden uns in einer Zwischen-den Zeilen-Tonart: zwischen C und D. Ich muss an den Sehmechanismus unserer Augen denken: Das eine Auge sieht ein C, das andere ein D, und zusammen gesehen und gehört, ergibt das…? Mehr, als nur das Springen zwischen zwei Ebenen.
Und dann tauchen noch 3D-Klänge auf. Das sind vierfach hintereinander geschichtete Cˋs mit Tiefenwirkung: stoisch starr – hysterisch molto vibriert – perforiert von Pizzicati und dem Getrommle einer Bogenstange. Was verbirgt sich hinter all den C-Schichten? Gesprochener Text: Der macht hier die Musik.
Der nächste Abschnitt handelt von der Geister-Erscheinung des ermordeten Königsvaters.
Da poltert es gehörig im Holz. Das Klopfen müssen die Instrumente schon aushalten. Aus allen Richtungen purzelt der un-tote Geist auf einem Ton zusammen und schlittert auf den Griffbrettern herum. Wenn er nur nicht so schrecklich quietschen würde! Jetzt, da es ans Resümieren geht, erhebt Hamlet die Stimme zum Gesang.
Die Erzählung ist beendet, nun denkt er nach. „To be or not to be“ ist für uns Streicher der reinste Totentanz. Gemeinsam mit Hamlet erheben wir die Waffen gegen den „sea of troubles“, müssen aber kapitulieren bei dem endlosen Koloraturversuch „to ehehehend it“. Wie vergeblich!
Dann kommt die Ophelia-Nummer. Hamlet ist wegen seiner Mutter sauer auf alle Frauen.
Ophelias Geist erscheint ihm lediglich als Aphorismus: Eher macht die Schönheit die Tugend zu einer Kupplerin, als dass die Tugend die Schönheit in ihresgleichen verwandelt. Immerhin liebte er sie einst. Uns Streichern bleibt da nur ein Choral mit unbeabsichtigten Ausbrüchen: Das sind wohl die Reflexe.
Hamlets Tod ist eine Hängepartie, der Boden schwindet uns unter den Bögen. „The Rest is silence“.
Das Grübel-Motto klingt trotzdem nach.
Vielleicht bleibt ja nicht nur Stille, wie Hamlet uns prophezeit, sondern es bleibt einfach offen.

Wir fünf Musiker genießen es jedenfalls, uns in die beiden Werke hinein zu denken. Mit jeder Probe lernen wir uns etwas besser kennen. Manchmal zischt und faucht die Kaffeemaschine dazwischen, aber das bringt uns meistens auf gute Gedanken.
Jetzt aber nochmal zurück zur oben zitierten Frage von Barnfield:

„Was, wenn die Musik mit der süßen Poesie übereinstimmt?“

Zum Glück ist dieser Kelch an uns vorüber gegangen.

 

Ein Beitrag von: Maria Pflüger